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Predigt vom 4. August in Wintersingen
Pfr. Daniel Wüthrich, Sissach

Mt 6,10b – „Dein Wille geschehe“

Liebe Gemeinde,

Jesus Christus hat viel gebetet. Wir lesen in den Evangelien immer wieder davon, wie er sich zum Gebet zurückzieht, um Ruhe dafür zu haben und ganz dabei zu sein. Als er sein Gebet einmal beendet hatte, da fragte ihn ein Jünger: „Herr, sag uns doch, wie wir beten sollen. Da lehrte Jesus sie das Gebet, das auch wir heute noch beten und rund um die Erde in allen Sprachen gebetet wird. Das Unser Vater, wie wir ihm sagen.

Ich habe anfangs Jahr damit begonnen, mir immer wieder einmal in einer Predigt Gedanken zu diesem Gebet zu machen. Dies will ich auch heute tun, und zwar zur Bitte:
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“
Ich weiss nicht, wie oft diese Bitte schon über eure Lippen gekommen ist. Ich weiss es auch von mir nicht. Wenn wir sie im Beten des Unser Vaters nennen, dann geschieht das wohl häufig ganz automatisch. Ja, wir haben dann ja auch nicht die Zeit, uns zu überlegen, worum wir da denn genau bitten. Darum ist es gut, wenn wir uns die Zeit einmal nehmen, ein wenig über diese Bitte nachzudenken: „Dein Wille geschehe.“

Der Wille ist eine starke Kraft. Das bekommen z.B. Eltern mit jungen Kindern immer wieder zu spüren. Es ist beeindruckend, wenn kleine Kinder zu eigenen Persönlichkeiten werden. Wenn sie ein Bewusstsein von sich selber entwickeln. Plötzlich sagen sie sich selber ihren Namen. Plötzlich sagen sie nein. Plötzlich sagen sie deutlich, was sie wollen. „I will“.
Und sie sagen das nicht nur zu Hause, sondern zum Beispiel auch an der Kasse im Laden, wo all die feinen Süssigkeiten auf ihrer Augenhöhe glänzen. Wenn nötig, können sie ihrem Willen gehörig Nachdruck verleihen, mit Quengeln und Schreien und Stampfen und Weinen.
Der Wille ist eine starke Kraft, die nicht immer angenehm für uns ist, wenn es der Wille von jemand anderem ist, der unbedingt etwas von uns möchte, was wir nicht wollen.
Der Wille ist gleichzeitig eine starke Kraft, die wir schätzen, weil sie uns selber Antrieb gibt, etwas zu wollen, zu erreichen. Und weil sie uns ein Gefühl gibt, jemand zu sein. Nicht einfach nur Masse, die herumgeschoben wird, sondern eine Persönlichkeit mit einem eigenen und auch freien Willen.
Dass es Probleme geben kann, wenn zwei eigene Willen aufeinander stossen, liegt nahe. Wir kommen uns mit unseren verschiedenen Willen schnell einmal in die Quere. Der eine will das und die andere dies. Das führt immer wieder auch zu Streit. Im Kleinen, in der Partnerschaft, in der Familie, in der Nachbarschaft. Das mag ja noch gehen.
Aber wenn der Wille auch im Grossen zu Streit führt, zwischen Gruppen, Gemeinschaften, Staaten, Religionen, dann kann das verheerend sein.
Wenn der eigene Willen dazu führt, dass man Macht über andere haben möchte, dann kann das katastrophal enden.

Ich bin erst gerade wieder in den Sommerferien darauf aufmerksam gemacht worden. Meine Frau und ich waren in der Sächsischen Schweiz. So nennt man das Gebiet in Deutschland unterhalb von Dresden, welches im Süden an die Tschechei grenzt und durch das die Elbe fliesst. Wir wohnten in Pirna, im Hauptort der Sächsischen Schweiz. Bei einem Abendspaziergang an der Elbe hat mich meine Frau auf die vielen kleinen, farbigen Kreuze aufmerksam gemacht, die auf das Trottoir aufgemalt waren. Eine lange Reihe. Gelbe, rote, grüne, blaue, violette und noch andersfarbige. Einmal darauf aufmerksam geworden, haben wir die Kreuze an vielen Orten in der Stadt auf den Trottoirs aufgemalt gefunden.
Was hat es mit diesen Kreuzen auf sich.
Sie sind eine Gedenkspur für die über 14'000 Menschen, die im zweiten Weltkrieg in Pirna in einer sogenannten Heilanstalt ermordet worden sind. Es waren vor allem psychisch kranke Menschen und Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Man wird nachdenklich, wenn man dieser Reihe von farbigen Kreuzen nachläuft, wenn man weiss, wofür sie stehen.
Man wird nachdenklich, wenn man aufgezeigt bekommt, wohin der eigene, „freie“ Wille von uns Menschen führen kann.
Und wie von alleine drängt sich bei diesem Nachdenklich sein auch die Frage auf: „Warum?“ –„Warum musste das geschehen?“ –
Was macht das für einen Sinn?“
Wir alle kennen diese Frage. Viele von uns haben sie wohl schon gestellt. Und wenn wir Menschen sie in schwierigen Situationen stellen, dann ist sie oft – wenn auch unbewusst – auch an Gott gerichtet.
„Warum?“ - „Warum ich? Warum wir?“ -
„Warum lässt du das zu?“ -
Mit dieser Frage ist dann manchmal eine weitere verbunden. Die Frage, die
Francine Jordi und Florian Ast in ihrem Lied „I han e Träne“ stellen:
„Säg mir Herrgott, isch’s di Wille?“
Genau betrachtet ist diese Frage - wie das „Warum?“ - mehr ein Ausruf, mit dem wir Gott darum bitten, dass er uns einen Sinn zeigt in dem, was wir so ganz und gar nicht verstehen können. Und wir wenden uns damit an Gott, damit das, was für uns so sinnlos und unverständlich ist, wenigstens von Gott aufgehoben ist und bei ihm geborgen ist.

Auch Jesus Christus ist es nicht anders ergangen in seinen schweren Stunden. Als er spürte, dass er bald gefangen genommen wird und danach sterben muss, da hat er Gott angerufen. Und er hat ihn darum gebeten, „dass er ihm, wenn es möglich wäre, diese schwere Stunde erspare. Abba, Vater, sagte er, alles ist dir möglich! Erspare mir, diesen Kelch trinken zu müssen! Aber es soll geschehen, was du willst, nicht was ich will.“ (Mk 14,35b-36)

„Dein Wille geschehe“, darum bittet Jesus in seiner schweren Stunde.
Er will uns damit nicht dazu aufrufen, dass wir uns etwas oder jemandem ergeben und etwas passiv erdulden, was nicht zu ändern ist. Darum geht es ganz und gar nicht in seinen Worten und auch nicht in der Unser-Vater-Bitte „Dein Wille geschehe“.
Vielmehr gibt sich Jesus mit den Worten „Dein Wille geschehe“ in die Hand von Gott. Er bringt, selbst in seiner schwersten Stunde, das Vertrauen auf, dass er und sein Leben dort gut aufgehoben sind.
Martin Luther King, der schwarze Bürgerrechtskämpfer der USA, hat seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen Mut dazu gemacht, genau dieses Vertrauen immer wieder aufzubringen. Er sagt:
„Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große segnende Kraft gibt, die Gott heisst.
Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln - zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“
Wir können uns fragen, woher Martin Luther die Gewissheit nimmt, dass Gott gerade das will.
Er nahm sie aus den Erfahrungen seines Freiheitskampfes für die schwarze, farbige Bevölkerung in den USA. Dort hat er erlebt, wie Gottes Kraft in den Menschen gewirkt hat, wie sie den Menschen Mut und Hoffnung gab und immer wieder ermächtigte, das Gute zu tun.
Er nahm sie auch aus den biblischen Zeugnissen. Zum Beispiel aus den Worten des 2. Petrusbriefes. Dort lesen wir:
„Gott hat uns einen neuen Himmel und eine neue Erde versprochen.
Dort wird es kein Unrecht mehr geben, weil Gottes Wille regiert.
Auf diese Welt warten wir.“ (2. Petr 3,13)
Oder aus den Worten des Propheten Jeremia. Dort lesen wir:
„Mein Plan mit euch steht fest: Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich will euch eine Zukunft schenken, wie ihr sie erhofft. Das sage ich, der Herr.“ (Jer 29,11)
Wenn wir also Gott in unserem Beten bitten, „dein Wille geschehe“, dann bitten wir um eine Welt, wo kein Unrecht mehr geschieht. Dann bitten wir darum, dass diese Welt eine Zukunft hat, auch noch für unsere Kinder und Kindeskinder und noch viel länger. Und ich erbitte ich das nicht nur für mich alleine, sondern für alle Menschen, für alle Völker, für alle Rassen.
Gott denkt in seinem Wollen nicht an sich alleine.
Das geschieht uns Menschen ab und zu.
Gott denkt in seinem Wollen immer in Beziehung. Er hat in seinem Wollen immer auch uns und seine ganze Schöpfung im Blick.

Noch eines:
Wenn wir bitten, „dein Wille geschehe“, dann geben wir unsere Bitte ganz in die Hand von Gott. Ob Gott seinen Willen auch wirklich geschehen lässt, und wenn, auf welche Art, das liegt ganz in seiner Hand. Es kann aber gut sein, dass Gott dafür immer wieder auch uns, unsere Hände, unsere Füsse, unseren Mund, unseren Kopf, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten nutzt. Und sicher ist, dass wir alle, so wie Gott es will, leben und handeln können.
AMEN.